Rezension: Beratung im Dritten Modus. Die Kunst, Komplexität zu nutzen.

Rudolf Wimmer / Katrin Glatzel / Tania Lickeweg (Hg.): Beratung im Dritten Modus. Die Kunst, Komplexität zu nutzen. Carl Auer Verlag 2014

Beratung im Dritten Modus

Dieses nicht nur an Berater gerichtete Buch aus dem Hause des systemischen Beratungsunternehmens osb-international setzt an der in der Praxis wahrgenommen Zunahme des Komplexitätsniveau  auf Seiten des Kunden an, die die unweigerlich zu einer Komplexitätszunahme als Antwortfähigkeit von Beratungsleistung und Beratungsansätze führt. VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) ist eines der Kernbeobachtungen, die die Schwierigkeiten der Organisationen nicht nur in Veränderungsprozessen in der heutigen Zeit auf den Punkt bringt. So beobachten die Autoren eine neue Transformationswelle der Beratungsbranche, die ja auch in anderen Medien (vgl. Harvard Business Manager Nov. 2013) in ihrer Zukunftstauglichkeit zur Disposition gestellt wird. Die beobachteten Entwicklungen werden unter den Fokus von Peter Druckers (2002) nächsten Gesellschaft gestellt, die markante gesellschaftliche Strukturwandel impliziert und Führung und Organisation mit einer neuen Qualität von Unsicherheit konfrontiert sieht, bei der es aus Sicht der Autoren darauf ankommt, mit dieser zunehmenden Volantilität ihrer relevanten Umwelten für sich selbst nutzbar zu machen (Wimmer et al: 8).  Die Herausgeber des Sammelbandes „Beratung im Dritten Modus“, der Gründer der osb und an der privaten Universität Witten/Herdecke tätige Organisationswissenschaftler Rudolf Wimmer und die Organisationsberaterinnen Katrin Glatzel und Tania Lieckweg von der osb Berlin gehen davon aus, „dass Organisationen es heute mit einem Komplexitätsgrad zu tun haben, der per se nicht mit Expertenwissen alleine bearbeitbar ist“, da sie davon ausgehen, dass die klassische Unterteilung und Trennung in eine expertenorientierte Fach- und spezialisierte Prozessberatung als relevante und nachhaltige Antwortfähigkeit an Beratung obsolet geworden ist. Wie sie selbst formulieren ist das Buch eine Neupositionierung systemsicher Organisationsberatung unter dem Titel „Dritter Modus der Beratung“. Dieser dritte Modus orientiert sich theoretisch am luhmannschen Sinnbegriff und seinen Sinndimensionen (Sache-, Sozial-, Zeitdimension) und versteht Organisationen in diesem Zusammenhang als sinnverarbeitende Systeme. Diese kognitive Landkarte basiert auf der Konsequenz, dass Beratung alle drei Sinndimensionen als Beobachtungsperspektiven im Blick haben und in die Kommunikation bringen muss, um Organisationen und deren komplexen, mehrdimensionalen Problemlagen relevant Rechnung zu tragen. Es ist eine konsequente Perspektive auf Unsicherheit und das konsequente akzeptieren des Nichtwissens, auf Seiten des Kundensystems, wie auf Seiten des Beratungssystems.

Das Buch liefert keine detaillierte und differenzierte Theorie des Dritten Modus, sondern reiht sich in die Kategorie Case-Studys ein, in der eine Reihe von Fallstudien reflexiv darstellen (26 an der Zahl), die die Beratungsaufträge, das Beratungsziel, den Beratungsverlauf und schließlich den eingeschätzten Beratungserfolg oder auch -misserfolg darlegen. Dieser Aufbau legt nahe, dass es den Herausgebern um das über Jahre erprobte Interventionsrepertoire geht, welches sie mit diesem Buch einem Diskurs zugänglich machen wollen.

Die Themenbereiche, in die das Buch untergliedert ist sind Strategie, Internationalisierung, Organisationsdesign, Change Management, Leadership, HR-Management und Familienunternehmen. Die Cases sind aus den unterschiedlichsten Bereiche der Wirtschaft und Wissenschaft bis hin zu NGO´s, ebenso national wie international, was in seiner Zusammenstellung facettenreiche Unterschiede aus der Praxis bietet und damit auch Anschlussmöglichkeiten oder Inspirationen für die eigene Beratung ermöglicht. Alle Autoren im Buch sind langjährige erfahrene Berater/Innen im Dritten Modus. Zunächst werden alle Themenbereiche in einem Überblicksartikel in den Bezug zum Dritten Modus gestellt und darauf aufbauend ein oder mehrere Fallstudien unter der besonderen Fokussierung auf die Arbeit mit den drei Sinndimensionen (Sache, Sozial und Zeit) reflektiert. Die gute Lesbarkeit und Strukturierung der Beiträge hat die Kehrseite, dass es hier und da etwas steif und formalistisch wirkt, was aber dem inhaltlichen Gehalt keinen Abbruch tut, sondern eher einen ausgewählten Fokus bietet. Der Mehrwert der Wirksamkeit und die damit verbundenen Interventionsarchitekturen in der Beratungspraxis aus Sicht des dritten Modus werden auf diese Weise transparent, nachvollziehbar oder aus diskutierbar.

An dieser Stelle kann jedoch nicht auf die vielschichtigen Artikel und einzelnen Themenfelder im Detail eigegangen werden. Das würde diesen Rahmen sprengen. Da es unmöglich ist, die gehaltvollen Inhalte der einzelnen Beiträge angemessen verkürzt darzustellen, werden nur kurze Spotslights angeführt, die die thematischen Variationen der Artikel andeuten.

Glatzel/Lieckweg führen Beratung im 3. Modus als einen Leitfaden für die Praxis ein, in dem sie in den drei Sinndimensionen Ziele und Beratungsanliegen skizzieren sowie mögliche orientierende Erkundungsfragen in dieser Dimension praxisnah erarbeiten.

Dietl und Nagel stellen in ihrem Beitrag „Die Zukunft erfinden“ die Strategieberatung im Dritten Modus vor. Strategie als Führungsaufgabe konfrontiert das Management mit der Paradoxie das Unternehmen möglichst erfolgreich auf die Zukunft auszurichten, obwohl das Unternehmen gleichsam mit Unsicherheit in den relevanten Entwicklungen, also der Unkalkulierbarkeit von Zukunft konfrontiert ist. Unter der Perspektive, das Strategieentwicklung eine periodisch erneuerte, gemeinschaftliche Führungsleistung ist, stellen die Autoren eine Strategieschleife mit 7 Schritten vor und skizzieren die Zeit-, Sozial- und Sachdimension im Kontext von Strategieberatungsprozessen u.a. anhand von möglichen zu stellenden Fragen in den unterschiedlichen Dimensionen. Zwei längere Strategieberatungsprozesse in unterschiedlichen Unternehmen werden reflektiert.

Im Themenfeld Internationalisierung gibt Wimmer einen kurzen Einstieg in die Globalisierungsdynamiken und deren unternehmerischen Bewältigungsformen unter einem globalen Strukturwandel, Stichwort Steigerung der Binnenkomplexität, sowie deren Konsequenzen der Beratung im 3. Modus. Drei unterschiedliche internationale Cases aus der Wirtschaft beleuchten die konkrete Beratungspraxis der Internationalisierung von Organisationen.

Der Themenbereich Organisationsdesign wird von Schuhmacher als systemische Organisationsdesignentwicklung im Fokus des 3. Modus der Beratung eingeleitet. Schuhmacher versteht unter Organisationsdesign im luhmannschen Sinne als Entscheidungsprämissen durch die „das Durcheinander in organisierten Sozialsystemen zwar nicht verhindert, aber doch gemäßigt werden kann“ (Schuhmacher 120). Das Organisationsdesign regelt Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse, um die Überlebensfähigkeit der Organisation zu sichern. Die Paradoxie ist hierbei, dass die Organisation einerseits Strukturen und Prozesse an den jeweiligen Anforderungen der relevanten Umwelt ausrichten muss, und damit in Alternativen denken muss. Gleichzeitig aber auch auf Prämissen und Routinen für die Aufgabenbewältigung angewiesen ist, um das Alltagsgeschäft erfolgreich zu bearbeiten. In seinem Leitartikel zu Organisationsdesign skizziert Schuhmacher die empirisch beobachtbaren Muster, wie sich Organisationen mit Organisationsdesign versorgen und mit Unsicherheiten umgehen. Ebenfalls wird in einem konkreten Case des Autors die eigene Beratungspraxis reflektiert.

Den Themenschwerpunkt Change Management wird mit dem Leitartikel von von der Reith und Lohmer eingeleitet, in dem sie unter Change Management ein „Regelfall im organisationalen Führungshandeln“ verstehen, bei dem sich Führungskräfte in dem Dilemma zwischen Stabilisierungs- und Veränderungsmanagement befinden. Damit sehen sie Change Management als organisationale General Management Aufgabe. Die Autoren bieten in dem Artikel eine Differenzierung, sprich vier Spielarten von absichtsvollen Veränderungen an und stellen die aktuellen Trends und Entwicklungen in diesem Bereich dar. Abschließend wir der Bogen zu einer Beratung im 3. Modus u.a. anhand von Beispielen und Fragemöglichkeiten dargestellt und zwei Case-Studies geschildert.

Den Themenschwerpunkt Leadership wird  mit einem Übersichts- und Einordnungsartikel von Oswald und Lieckweg eröffnet, die aufbauend auf den Megatrends einer nächsten Gesellschaft (anschließend an Peter Drucker 2002) die zukünftigen Anforderungen an Führung von Organisationen skizzieren (u.a. Instantaniät, Austauschverhältnis der natürlichen Ressourcen, Modell von Wachstum und Entwicklung, Netzwerkförmige organisations- und funktionsübergreifende Problemlösung, Zukunft selbst erfinden und damit neue Führungsqualitäten). Die daran anschließenden Cases bieten auch hier Facettenreichtum.

HR-Management als weiteres Themenfeld, in dem der 3. Modus der Beratung in den letzten Jahren angewandt wurde, beginnt mit einem Einstiegsartikel von Santer, der die Besonderheit des 3. Modus im HR-Management im Wechselspiel der Person und dem Unternehmen darlegt. Dabei stellt Santer die zehn Aufgabenfelder für Führung und Personalmanagement dar und schildert HR-Beratung im Dritten Modus und den damit verbundenen Herausforderungen weiter aus. Vier unterschiedliche Cases reflektieren das Besondere am dritten Modus der Beratung bei HR-Fragestellungen.

Als letzter Themenblock wir der Fokus auf Familienunternehmen gelegt, auf der Grundlage des Einleitungsartikels von Domayer, der die Besonderheit der Beratung von Familienunternehmen darlegt und deren Verbindung zum dritten Modus der Beratung zieht.

Als Abrundung und auch Entwicklungsprozess wird in einem Vierergespräch zwischen Stadelmann, Lieckweg, Zeutschel und Vitek über das jeweilige Beraterverständnis und die Entwicklung des dritten Modus der Beratung gemeinsam diskutiert und auch eigene biografische Bezüge auf dem je individuellen Weg dargestellt. Als Abschluss resümiert Hilse Ganzheitliche Management- und Beratungsansätze aus einer internen Unternehmenssicht.

Warum ist diese Buch für die Supervision aus meiner Sicht lesenswert? Weil es sich um mehrdimensionale Beratung handelt, die sich zumindest in meinem Verständnis mit der Perspektive der Supervision einige Überschneidungen und gemeinsame aber unterschiedliche Beobachtungs- und Interventionsperspektiven anbietet. Weil es durch die Fallbeschreibungen theoretsiche wie praktische Anregungen und Perspektiven anbietet, die zum eigenen reflektieren und entdecken der eigenen Praxen anregt. Aus meiner Sicht kann es für die Supervision anregend sein- wenn nicht als Organisationsberater tätig- sich Organisationen als sinnverarbeitende Systeme vorzustellen und mit den drei Sinndimensionen und der dahinter liegenden luhmannschen Perspektive konkret und praxisnah zu arbeiten. Der dritten Modus der Beratung passt mit ein paar abstrichen auf die Supervision verstanden als mehrdimensionale Organisationsberatung recht gut, auch wenn es professionsbezogen auch noch einige Unterschiede deutlich werden, was aus meiner Sicht auch gut so ist. Denn auch Supervision arbeitet mit allen drei Sinndimensionen in Organisationen, um ihre Wirksamkeit zu entfalten. Zumindest wird dies, zumindest in meiner Supervisionspraxis  von den Klientensystemen auch mehr und mehr erwartet, dass man das Big Picture der Organisation im Blick hat und dort mit seiner externen Professionsperspektive Unterschiede und damit Wirksamkeiten generiert. Und das Verständnis von Organisationen als sinnproduzierende Systeme passt aus systemtheoretischer Perspektive gut, um den Fokus auf die Arbeitswelt in ihren Dynamiken  zu erkunden.

Darüber hinaus wird hier von einem der führenden systemischen Beratungshäusern im deutschsprachigen Raum die Anwendung des 3. Modus sehr erlebbar und auch das dahinter stehende systemtheoretische Beratungsverständnis (u.a. luhmannscher Coleur), was ja immer wieder bezüglich der konkreten Beratungstauglichkeit in Frage gestellt wird. Mit einem Augenzwinkern sollte man durchaus die „gelungenen“ Beratungsbeispiele lesen. Fazit: Das Buch ist für BeraterInnen, SupervisorInnen aber auch für Kunden absolut lesenswert und eine Bereicherung für die eigene Praxis und die Selbstbeobachtung.